Münchner Ärzte retten den kleinen Faustus

Der kleine Faustus kam nur mit einem halben Herz zur Welt. Die Ärzte vom Deutschen Herzzentrum in München retteten das Baby mit einem weltweit einmaligen Eingriff.

Faustus, Herzzentrum, Deutsches Herzzentrum

Baby Faustus (heute 8 Monate alt) kam nur mit einem halben Herz zur Welt und hatte weitere extrem komplizierte angeborene Herzfehler. Sein Körper bekam zu wenig Sauerstoff. Eine dringend benötigte Operation war wegen einer sehr komplizierten Lungendurchblutung nicht möglich. Eigentlich ein sicheres Todesurteil. Doch die Kinderkardiologen des Deutschen Herzzentrums München konnten das Baby trotzdem mit einem weltweit einmaligen Eingriff retten. 

Es war der komplizierteste angeborene Herzfehler, den die Kinderkardiologen des Deutschen Herzzentrums München jemals erlebt haben. Er hatte nur einen Vorhof, eine funktionierende Kammer und keine ausreichende Verbindung zur Lunge. „Bei dem Kind lag eine Kombination gleich mehrerer schwerer Herzfehler vor“, sagt Klinikchef Prof. Peter Ewert (55).

Das halbe Herz schlug zwar, aber der kleine Körper bekam viel zu wenig Sauerstoff. Einziger Ausweg: Eine sofortige Operation. Doch die war wegen der vielen Fehlbildungen nicht möglich. Normalerweise ein Todesurteil. 

Sieben angeborene Herzfehler bei Faustus

Doch mit einem weltweit einmaligen Eingriff konnten Prof. Ewert und sein Team den kleinen Faustus trotzdem retten. „Wir haben einfach etwas versucht, was noch nie jemand zuvor gewagt hatte“, schildert der Kinderkardiologe. „Mit zwei hauchdünnen Herzkathetern von oben und unten und winzigen Drahtröhrchen ist es uns gelungen, das halbe Herz auch ohne offene OP an die wichtigen Blutgefäße anzuschließen, von denen es durch eine Laune der Natur getrennt war. Jetzt hat Faustus die Chance, trotz seiner Herzfehler einigermaßen normal aufwachsen, spielen, toben und zur Schule gehen zu können. Wir glauben, dass er eine lebenswerte Zukunft vor sich hat.“ 

Heute ist der kleine Faustus ein richtiger Sonnenschein. Kein Mensch sieht ihm an, wie schwer krank er war. Niemand kann sich vorstellen, was er in seinem kurzen Leben schon alles durchmachen musste. Fröhlich kuschelt er sich in den Arm seiner Mutter Fanny Beeger (29). 

Für die Grundschullehrerin aus Dresden begann das Drama schon während der Schwangerschaft: „Im fünften Monat ging ich zur Routine-Untersuchung mit Ultraschall. Der Doktor meinte, er könne das Herz meines Ungeborenen nicht richtig erkennen und schickte mich zu einem Spezialisten. Auch dessen Untersuchung dauerte auffallend lange. Das Gesicht des Arztes wurde immer ernster. Schließlich eröffnete er mir, dass das Baby wohl einen sehr komplexen Herzfehler hätte, den er so noch nie gesehen habe. Ich solle mich zur Sicherheit aber nochmal in der Uniklinik vorstellen.“ 

Doch auch diese Untersuchung brachte kein besseres Ergebnis. Alle Experten schienen ratlos. Trotzdem wollte Fanny Beeger ihrem Kind eine Chance geben: „Ab diesem Zeitpunkt verlief meine Schwangerschaft natürlich nicht mehr entspannt.“ 

Am 27. Oktober kam der kleine Faustus zur Welt. Pünktlich in der 40. Woche. Fanny Beeger: „Gott sei Dank ging alles glatt. Er sah ganz normal aus, wog 2.900 Gramm, war 52 Zentimeter groß und konnte allein atmen. Doch ich bekam ihn nur für eine Minute auf den Bauch um ihn zu begrüßen. Dann brachten ihn die Kinderärzte sofort zur Untersuchung.“ 

Eine Stunde später durfte die Mutter endlich wieder zu ihrem Kind: „Faustus lag auf der Überwachungsstation. Die ersten Laborwerte und Ultraschall-Untersuchungen waren gut und er musste nicht künstlich beatmet werden. Das hat mich schon sehr beruhigt.“ 

Nur zwei Tage später dann die erste Untersuchung mit einem Baby-Herzkatheter. Der Befund war so wie befürchtet: „Bei Faustus lagen sieben Herzfehler gleichzeitig vor“ schildert Fanny Beeger. Er hatte nur einen Vorhof, eine funktionierende Kammer und eine komplette Fehlmündung der Lungenvenen. Außerdem waren die übrigen Blutgefäße völlig anders angeschlossen und falsch miteinander verbunden. So etwas hatten die Ärzte tatsächlich noch nie gesehen.“ 

Auch Prof. Peter Ewert, der im Münchner Herzzentrum eines der größten Zentren für angeborene Herzfehler in Europa leitet, hat einen vergleichbaren Fall noch nie gesehen: „Anfänglich schaffte es das kleine Herz noch, über Umwege und Umgehungskreisläufe genügend Sauerstoff in den Körper zu transportieren. Doch die Kollegen in Sachsen erklärten der Mutter zutreffender Weise, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde und das Kind nach etwa zehn Tagen operiert werden müsste.“ 

Die Kinderherzchirurgen vor Ort lehnten jedoch ab. „Eine Operation war deshalb nicht möglich“, so Prof. Ewert, „weil die Herzchirurgen keine Möglichkeit sahen, das Baby mit seinen komplizierten Lungengefäßen so an die Herz-Lungen-Maschine anzuschließen, dass ein chirurgischer Eingriff durchführbar wäre. Das Kind hätte einen Eingriff am offenen Herzen höchstwahrscheinlich nicht überlebt.“ 

Auf eine andere Weise war aber bisher ebenfalls keine Behandlung möglich. Sollte das schon den sicheren Tod für Faustus bedeuten? 

Weltweit einmaliger Eingriff am Deutschen Herzzentrum

In ihrer Verzweiflung befolgten die Eltern den Rat eines Dresdener Herzspezialisten. Sie wandten sich als letzten Ausweg an das Deutsche Herzzentrum München, um eine weitere Meinung einzuholen. Fanny Beeger: „Dieser Rat erwies sich im Nachhinein als großer Glücksfall. Denn die Münchner Ärzte haben Faustus das Leben gerettet.“ 

Zwar konnte der kleine Bub auch in München nicht am offenen Herzen operiert werden. Aber Prof. Ewert entschloss sich, etwas völlig Neues zu versuchen: „Die Lungenvenen transportieren normalerweise das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge zum Herz und münden dazu in den Herzvorhof“, erklärt der Professor. „Bei Faustus war das jedoch nicht der Fall. Hier zogen sie hinter dem Herz vorbei und mündeten durch eine Verengung in die Hohlvene. Deshalb bekam sein kleiner Körper zu wenig Sauerstoff. Ohne Behandlung hätte dieser Zustand binnen kurzer Zeit zum Tode geführt. Wir mussten also versuchen, eine funktionierende Verbindung zwischen dem Herzvorhof und den Lungenvenen herzustellen. Und zwar ohne Operation, nur mit einem Katheter. Denn dazu brauchen wir keine Herz-Lungen-Maschine.“ 

Faustus, Herzzentrum, Deutsches Herzzentrum

Kinderkardiologe Prof. Peter Ewert vom Deutschen Herzzentrum Muenchen zeigt einen der winzigen Stents, die er Baby Faustus ins Herz eingesetzt hat. Das Gitterroehrchen ist 6 mm lang und 1 mm dick. ©: Deutsches Herzzentrum Muenchen

Allerdings hatte bisher noch keine Klinik weltweit so einen komplizierten Eingriff durchgeführt. Prof. Ewert und seinem Team gelang daher tatsächlich eine medizinische Pionierleistung: „Über die Leistenvene führten wir einen Katheter von unten bis in den Herzvorhof. Gleichzeitig gelangten wir mit einem zweiten Katheter von oben über die Halsvene in die Lungenvene. Auf den Röntgenschirmen und über Ultraschall konnten wir die Lage der Katheter genau kontrollieren. Dabei muss sich der Kardiologe das alles räumlich vorstellen, denn er hat ja keine direkte Sicht wie ein Herzchirurg bei einer offenen Operation. Zudem sind die Strukturen extrem klein. Das Herz von Faustus war gerade mal so klein wie eine Walnuss. Als nun beide Katheterspitzen wenige Millimeter voneinander entfernt lagen, bohrten wir mit einer elektrischen Hochfrequenzsonde über den unteren Katheter eine winzige Öffnung durch die Wand des kleinen Herzvorhofs. Durch dieses Loch wiederum schoben wir dann ein zusammengefaltetes Gitterröhrchen bis in eine Lungenvene und dehnten es mit einem kleinen Ballon auf. Damit hatten wir eine Art Tunnel hergestellt. Allerdings mussten wir noch darauf achten, dass bei dem Vorgehen keine Blutungen zwischen der Herzwand und der Lungenvene auftraten. Denn wenn sich Blut im Herzbeutel ansammelt, drückt es immer stärker auf den Herzmuskel, sodass er nicht mehr pumpen kann. Dies geschah auch kurzzeitig bei unserem Eingriff, aber wir konnten das meistern. Andernfalls hätte es unweigerlich zum Tod geführt. Aber wir haben alles geschafft. Nach drei Stunden war der Eingriff beendet und das sauerstoffreiche Blut konnte endlich direkt ins Herz fließen.“ 

Fanny Beeger und ihrem Mann, die im zum Herzzentrum gehörenden Ronald-McDonald-Haus warteten, fiel ein Stein vom Herzen: „Wir wussten, wie riskant der Eingriff war und hatten uns innerlich schon von Faustus verabschiedet“, gesteht die junge Mutter. „Umso größer war unsere Erleichterung, als uns Prof. Ewert die frohe Kunde überbrachte, dass alles gutgegangen war.“ 

Faustus erholte sich rasch. Weil sein Körper jetzt genug Sauerstoff bekommt, ist der süße Bub wieder belastbar, hat Appetit, lacht viel und spielt vergnügt. Trotz dieses Erfolgs war er jedoch noch nicht endgültig über den Berg. „Dieser erste Eingriff fand am Karfreitag statt“, sagt Fanny Beeger. Danach durften wir mit unserem Kind wieder nach Dresden zurück. Zu Hause kontrolliere ich seitdem täglich mit einem kleinen Gerät die Sauerstoffsättigung und schicke die Werte über mein Handy an das Münchner Herzzentrum. Ende Mai haben sich diese Sauerstoffwerte jedoch verschlechtert. Deshalb fuhren wir im Juni nochmal zu Prof. Ewert, der mit der gleichen Technik bei Faustus noch einen zweiten Stent zwischen Herz und Lungenvene einsetzte. Aber auch dieser zweite Eingriff verlief glatt.“ 

Inzwischen kommen Mutter und Kind nur noch alle sechs Wochen zur Ultraschall-Kontrolle. Prof. Ewert: „Faustus entwickelt sich jetzt sehr gut. Allerdings wachsen die beiden eingesetzten Stents nicht mit. Deshalb müssen wir sie irgendwann erweitern. Das ist jedoch mit einem weitaus einfacheren Kathetereingriff gut machbar.“ 

Der kleine Faustus (8 Monate alt) auf dem Arm seiner Mutter Fanny B. (29). ©: Deutsches Herzzentrum Muenchen

Fanny Beeger ist den Ärzten und Schwestern des Münchner Herzzentrums unendlich dankbar: „Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass unser kleiner Faustus mit seinem halben Herz noch so viel Glück haben kann.“ 


12. Juli 2018, 11:00 CET, uk