Peter Kneffel/dpa
Stichwahl 15.03.2026

Krause, Reiter - und die heiße Phase des Münchner Wahlkampfs

Dieter Reiter beginnt mit einem Statement. Er gibt sich selbstkritisch - und wendet sich dann direkt an Münchnerinnen und Münchner, die zu dem SPD-Wahlkampf-Termin im Stadtteil Untergiesing-Harlaching gekommen sind: «Diese Stadt ist die letzten zwölf Jahre nicht schlecht gelaufen. Und dann bitte ich halt alle, die letzten zwölf Jahre nicht an drei Wochen zu messen, die ich tatsächlich schlecht gearbeitet habe. Schlecht gearbeitet und schlecht nach außen kommuniziert», sagt der seit 2014 amtierende SPD-Oberbürgermeister, der nach den Schlagzeilen über seine Posten beim FC Bayern überraschend schlecht abgeschnitten hat bei der Wahl, bei der er für eine dritte Amtszeit kandidierte. 

Dutzende schauen am SPD-Stand vorbei, um Reiter direkt zu erleben, bevor sie erneut ihr Kreuzchen machen. Eineinhalb Stunden stellt er sich den Fragen, dann geht es zum nächsten Termin in einem anderen Stadtteil. Es gibt rote Rosen, die Blumen der SPD - unten grün, oben rot, meint eine Genossin. 

Etwas später ein paar Kilometer entfernt ist weniger los, die Stimmung ist entspannt. Reiters Herausforderer Dominik Krause steht am Eingang zum Englischen Garten, spricht mit Radfahrern, die am Info-Stand der Grünen absteigen, umarmt Menschen, die er offenbar kennt, spricht ein paar Sätze in eine Handy-Kamera, streichelt einen Hund. Seifenblasen fliegen, grüne Windräder werden verteilt. 

Der 35-Jährige hat Gas gegeben nach seinem überraschend guten Abschneiden mit 29,5 Prozent bei der Wahl am 8. März und seit dem historischen Tag als ein Kandidat der Grünen einen amtierenden Münchner Oberbürgermeister (35,6 Prozent der Stimmen) in die Stichwahl zwang. 

Krause mit fast doppelt so vielen Terminen wie Reiter

«Seit Beginn des Stichwahlkampfs am 9. März wird Dominik Krause damit bis zur Stichwahl am 22. März voraussichtlich mindestens rund 60 Wahlkampftermine und Aktionen wahrgenommen haben, je nach Einrechnung der kleineren Termine auch deutlich mehr», sagt ein Sprecher der Münchner Grünen auf Anfrage. Bei Reiter sind es etwas mehr als die Hälfte: «Seit dem 8. März bis zur Stichwahl absolviert Herr Oberbürgermeister Reiter rund 35 Termine», heißt es von der SPD. 

Rund 3.000 Plakate haben die Grünen für die Stichwahl im gesamten Stadtgebiet aufgehängt, mehr als 100.000 neue Flyer gedruckt. 5.000 «Dominik Krause wählen»-Buttons sollen verteilt werden.

Auf Krauses Instagram-Profil gibt es ebenfalls viel Bewegung - nicht nur mit immer neuen Beiträgen zu seinen Wahlkampfauftritten und Themen wie der Münchner Wohnungsnot - sondern auch mit immer neuen Followern. Knapp 62.000 hat er inzwischen, seit der Wahl mehr als 10.000 dazugewonnen. Wenn das so weitergeht, hat der Zweite Bürgermeister den Oberbürgermeister (63.800 Follower) damit bald überholt. Reiters Follower-Zahlen auf Instagram, wo der 67-Jährige sich derzeit vor allem bei Wahlkampfauftritten wie dem Verteilen von Rosen zeigt, stagnieren weitgehend. 

Politologin Münch: Nicht nur auf Insta-Zahlen schauen

«Veränderungen in der Zahl der Instagram-Follower sind interessant mit Blick auf die unterschiedlichen Wählermilieus, deren Erreichbarkeit und potenzielle Mobilisierung. Gleichzeitig sollte man in diese Zahlen nicht zu viel hineininterpretieren: Ein Großteil der Münchner Wählerschaft ist nicht auf Social-Media-Plattformen aktiv», sagt Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing. 

Allerdings habe Krause wahlkampftechnisch einen Vorsprung. «Der Amtsinhaber war im Wahlkampf nicht allzu sichtbar», sagt sie. Das sei bis zum 8. März auch verständlich gewesen. «Es schien nicht erforderlich, allzu viel Kraft auf Wahlkampf zu verwenden und vor allem seinen Herausforderern eine Bühne zu bieten.» Nach dem für ihn erschütternden Wahltag habe OB Reiter dann «tatsächlich recht lange gebraucht, um sich zu einer klaren Strategie zu bewegen – also für Entschuldigung und für Rückzug aus den Positionen beim FC Bayern». 

Bis zu dem Instagram-Video, in dem Reiter mit Grabesmiene verkündete, er lege seine FC-Bayern-Ämter nieder, herrschte dort nach dem 8. März tagelang Ruhe. Er habe die Lage erst einmal mit dem FC Bayern klären müssen, sagt Reiter. Dafür habe er etwas Zeit gebraucht - er habe nicht einen weiteren Fehler folgen lassen wollen. 

Politikwissenschaftler: Krause konnte schneller loslegen

«Krause konnte sofort montags loslegen, während Reiter zunächst einmal noch seine Causa FC Bayern zu klären hatte. Inzwischen nimmt der OB-Wahlkampf aber Fahrt auf - endlich, würde ich sagen, denn vor dem ersten Wahlgang war das eher ein langweiliger, einschläfernder Wahlkampf», sagt der Politologe und Experte für Kommunalpolitik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, Martin Gross. 

«Die Wahlkampfstrategien nähern sich inzwischen doch an: beide Kandidaten sind noch einmal präsenter auf den verschiedenen Plattformen unterwegs, aber insbesondere Dieter Reiter nimmt viel mehr Termine mit Bürgerinnen und Bürgern wahr als vor dem 8. März, mobilisiert seine eigene Partei und erhält auch deutlich mehr Unterstützung von seiner Partei auf Social-Media-Kanälen.»

Bei der Stichwahl am 22. März wird es nun vor allem darauf ankommen, welchem Kandidaten es gelingt, die Anhänger zu überzeugen, die am 8. März noch für einen anderen Kandidaten gestimmt haben - für den drittplatzierten Clemens Baumgärtner (CSU) zum Beispiel, der 21,3 Prozent bekam. 

Beide Politikwissenschaftler gehen davon aus, dass es am Ende für den Amtsinhaber reicht. «Reiter und der SPD dürfte es leichter fallen, bisherige CSU-Wähler gegen den Grünen-Kandidaten zu mobilisieren», sagt Münch. Und der Politologe Gross sagt: «Meine Prognose wäre immer noch, dass Dieter Reiter die Stichwahl knapp gewinnen wird, solange es keine weitere Affäre gibt bzw. in der Causa FC Bayern jetzt nicht noch weitere Details ans Licht kommen.»

Quelle: dpa

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